Buchkritik: Campinos Leidenschaft für Fußball

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Der Sänger der Toten Hosen berichtet in “Hope Street: Wie ich einmal englischer Meister wurde” von seiner Liebe zum FC Liverpool. Aber nicht nur.

Campino ist Fan des FC Liverpool. So weit, so bekannt. Klingt auf den ersten Blick eher banal. Muss der Sänger der Toten Hosen darüber jetzt auch noch ein Buch schreiben? Hätte Herr Frege sich auch nur auf dieses eine Thema beschränkt, wäre der Hosen-Fan ohne Fußballbezug schon nach zehn Seiten ins Reich der Träume gewandert. Aber hinter dem markigen Titel steckt weit mehr als nur Campinos Leidenschaft für die Fußlümmelei aus dem Vereinigten Königreich.

Einige Einblicke in das Leben des Sängers gab schon das Buch “Am Anfang War Der Lärm”, “Hope Street” geht jedoch ein wenig mehr ins Detail. Campino schreibt, mitunter in rührenden Worten, über seine Eltern, Geschwister und Verwandten, seine Beziehung zur Heimat seiner Mutter und von Besuchen auf der Insel. Ausgerechnet kurz nach dem zweiten Weltkrieg lernen sich seine Eltern in Göttingen kennen, an der einzigen Universität des britischen Sektors, die nicht im Krieg zerstört wurde.

Zwischen den Polen

Eine Liaison zwischen einem Deutschen und einer Engländerin war nicht überall gern gesehen. In dieser Zerrissenheit wuchs der Filius auf und fand sich stets zwischen den Polen England und Deutschland wieder. Die Zuneigung zur Mutter und deren Sehnsucht nach ihrer Heimat hinterließen beim Heranwachsenden offenbar mehr Eindruck als der Einfluss des Vaters. So suchte sich der Teenie eines Tages den Liverpooler Club als Projektionsfläche seiner Sehnsüchte aus.

Der Buchtitel wirkt insofern etwas irreführend, reicht Campinos Fandasein doch in die glorreiche Zeit des Clubs zurück, als die Scouser alleine in den Achtzigern sechs Meisterschaften feierten. In seiner Erzählung beschränkt er sich aber weitgehend auf die jüngere Vergangenheit und die neu gewonnene Stärke des FC unter Trainer Jürgen Klopp, zu dem er eine enge Verbindung pflegt.

Muss das sein?

Seine Geschichten aus den Stadien Europas, die wahrlich nicht nur bei Bier und Wurst auf den Stehrängen ablaufen, lassen den Fußballfan unter den Lesern aber mitunter auch die Augenbraue zucken. Die Frage, ob man als Punk im feinen Zwirn in der VIP-Box von Anfield stehen muss, ist dabei eher nachrangig. Aber wer das Spiel in Logen verfolgt, oder meint, in einem Unrechtsstaat wie Katar ein Match verfolgen zu müssen, muss sich wohl zu Recht ein paar Fragen gefallen lassen.

Das sieht der Hauptprotagonist aber ganz genau so. Campino versucht gar nicht erst, sich ins moralisch rechte Licht zu rücken, sondern thematisiert den Zwiespalt, in den ihn seine Leidenschaft hinein katapultiert, sehr wohl. Auch seine impulsive Art gegenüber seinen Mitmenschen macht er zum Thema. Dass er sich oft aufführt wie die Axt im Wald, verheimlicht er nicht.

Fairplay? Am Arsch!

Fairplay und anerkennenden Applaus für den Sieg des Gegners? Am Arsch! Es zählt nur das eigene Team, und wenn der Sieg nur dreckig genug eingefahren wurde und man damit dem ewigen Rivalen ordentlich vors Schienbein treten kann? Umso besser! Herrlich. So solls sein. Zumindest, wenn man sich beinharter Fan eines Vereins schimpft.

Die Verquickung seiner Lebensgeschichte mit Stationen seiner Karriere als Musiker und das manische Festhalten an seinem FC Liverpool gelingt Campino in kurzweiliger Art und Weise. Für “Hope Street” geht deshalb auch eine Leseempfehlung raus. Auch, aber nicht nur für Fans des Fußballs.

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